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| Zeichnung
Arno Schmidt:
Das schönere Europa (1)
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Zur Erinnerung an die erste große
wissenschaftliche
Gemeinschaftsleistung unserers Kontinentes,
den Venusdurchgang von 1769
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Sprecher:
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2
Männerstimmen, A. und B., nach
Tonlage und Temperament verschieden. -
>>Bei aller Fülle des
Materials<<, aller
>>überwältigenden
Aufzählung<<, ist durch
sorgfältige Aussprache der vielen
geographischen Namen, sowie der Daten und
Zahlenwerte, Rücksicht auf den ganz
spezifischen Hörerkreis zu
nehmen.
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A.:
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Es
ist lange her, und die Anregung zur Einigung kam
von niemandem weniger als von den Politikern; es
war die scheinbar erdenfernste aller
Wissenschaften, die Astronomie - die sich aber
natürlich mit derb irdischen Interessen paaren
mußte.
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B.:
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Vor
zweihundert Jahren nämlich war man sich
über das Urmeter aller astronomischen
Rechnungen - die Entfernung der Erde von der Sonne,
von der alle anderen dann abhängen - nichts
weniger als klar. Wir wissen heute, daß sie
150 Millionen Kilometer beträgt; aber noch der
große Kepler hatte auf etwa 30 getippt; Um
1750 verwendete man Werte, die zwischen 75 und 100
schwankten.
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A.:
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Und
das scheinbar abstruse Problem hatte seine sehr
ernsthafte praktische Seite: solange man diese
wichtigste Maßeinheit nicht genau kannte,
waren sämtliche Bahnbestimmungen des Mondes
und der Planeten zur Unsicherheit verurteilt! Was
nützt im praktischen Einzelfall einer
Störungsrechnung das Gravitationsgesetz mit
seinem >>Quadrat der Entfernung<<, wenn
ich diese >>Entfernung<< nicht kenne?
Und auf den Mond kam es entscheidend an, wenn man
den Ort eines Schiffes auf See bestimmen wollte. So
sehr lag die Methode im argen, daß erst 1742
der berühmte Weltreisende, Lord Anson, 8o Mann
im Sturm verlor; weil er nämlich, trotz
korrekter Rechnung, die Position seines Geschwaders
nur auf 200 Kilometer genau bestimmten konnte: um
eben soviel aber lag ihm die Insel Juan Fernandez
näher, und mit ihr Riffe, Sandbänke,
Klippen. So brennend war speziell dieses Problem
geworden, daß die britische Regierung
für die genaue Ortsbestimmung auf See einen
Preis von 20.000 Pfund Sterling aussetzte - in
jener geldarmen Zeit heutigen 10 Millionen D-Mark
gleichwertig! Es mußte hier etwas geschehen -
aber wie?
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B.:
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Ein
Mittel gab es, den Grundmaßstab Erde-Sonne zu
bestimmen. Schon 1677 hatte der englische Astronom
Halley (nach dem noch heute einer der
größten Kometen heißt) es
angegeben: es kommt zuweilen vor, daß der
Planet Venus, wenn er zwischen Erde und Sonne
steht, als kleine schwarze Scheibe vor dem
Sonnenrund vorbeizieht. Wenn man nun an
verschiedenen Erdorten möglichst genau die
Zeiten des Ein- und Austrittes mißt, kann man
durch Kombination der Resultate jene Entfernung mit
hoher Genauigkeit ermitteln. Halley gab die Regeln
für die Beobachtung, die Formeln für die
Berechnung, ausführlich an; mußte am
Schluß seiner Untersuchungjedoch
sachlich-tapfer hinzufügen: >>Man wird
dieses Maß aller Maße also erst kennen,
wenn ich lange tot bin<<.
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A.:
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Denn
das war das eine Hindernis für die Anwendung
der trefflichen Methode: die
>>Venusdurchgänge<< sind so
selten, daß nur alle einhundertzwanzig Jahre
einmal welche erfolgen - dann allerdings kurz
hintereinander zwei. Ein einziges Mal erst war
bisher dergleichen beobachtet worden, am 4.
Dezember 1639, von Horrox in Hoole, und damals fast
nur aus Versehen. Die beiden nächsten
Durchgänge fanden 1761 und 69 statt.
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B.:
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Mehr
als ein Jahrhundert also wartete man auf das
große Ereignis. Es kam am 5. Juni 1761, und
-:ja; es war eben wieder einmal Krieg in Europa und
der Welt! Im Siebenjährigen zogen die Heere
umher von Frankreich bis Rußland, drüben
in Amerika verdrängte England den
französischen Konkurrenten aus Kanada.
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A.:
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Dennoch
versuchten die Gelehrten das Menschenmögliche;
aber die wenigen, zusammenhanglosen
Beobachtungsversuche konnten nicht einmal die
oberen und unteren Grenzen verbessern, in die man
früher die Sonnenparallaxe eingeschränkt
hatte, von entscheidenden, gesicherten Resultaten
noch ganz zu schweigen. Voll düsterer
Vorahnungen blickte man in die Zukunft!
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B.:
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Aber
endlich geschah es doch, wie es in der schönen
Bürger'schen Ballade heißt: >>Der
König und die Kaiserin, / des langen Haders
müde, / erweichten ihren harten Sinn, / und
machten endlich: Friede ! <<. - Nach 1763,
nachdem Diplomaten und Soldaten wieder einmal
heilsam ermüdet waren, kam die Zeit für
Nützlicheres, für Höheres.
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A.:
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Und
es beginnt das unvergleichlich ehrwürdige und
menschlich hinreißende Schauspiel der ersten
weltumspannenden europäischen
Gemeinschaftsleistung! - Aber sogleich türmten
sich die Hindernisse zu angemessen-kosmischer
Größenordnung.
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Mit freundlicher Genehmigung © Arno
Schmidt Stiftung, Bargfeld
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